|
DIE KIRCHENMUSIK IN
ST. JOSEF, TUTZING
(Franz Reißner, Kirchenmusiker, Febr. 1993)
Die Tutzinger Kirchenmusik begann vermutlich um die Mitte des 19. Jh. unter der damals üblichen Leitung des Lehrers. Einer der letzten Nachkommen der Familie Thoma, die in Tutzing seit 300 Jahren ansäßig war, Jakob Thoma, Fischer, Lehrer, Mesner und Organist in einer Person, ließ auch seine eigenen Kinder im Kirchenchor mitsingen. Sein 14. Kind Therese, begabt mit besonders schöner Stimme, heiratete später den Sänger Heinrich Vogl. Beide gelangten als erste Sänger in Richard Wagners Opern, besonders als Tristan und Isolde, zu großer Berühmtheit.
Im Jahre 1919 übernahm der junge Volksschullehrer Hans Kaiser den Kirchenchor und brachte ihn zu beachtlichem Ansehen. Das Repertoire der damaligen Kirchenchöre umfaßte hauptsächlich Werke der neoklassischen Kirchenmusik. Ein vielbeachteter Höhepunkt war die Krönungsmesse von W. A. Mozart unter Lehrer Hans Kaiser. Mit der damaligen Zeit verbinden sich auch Namen wie Georg Himmler, Erika und Gertrud Neumann, Professor Ferdinand Kopp, Bürgermeister Joseph Hörmann, Professor Dr. Hermann Beck und Gertrud Schnell. In den Nachkriegsjahren war es sehr schwer, Berufsmusiker zu engagieren oder Noten zu beschaffen. Trotzdem begann man mit viel Fleiß, Partituren und Stimmen zu schreiben, um Werke wie Händels Messias oder Chöre aus Bachs Matthäuspassion aufzuführen. Ganz besondere Verdienste hat sich Gertrud Schnell mit ihrem Streichorchester, das fast ausschließlich aus ihren Schülern bestand, erworben.
Die Tutzinger Musiktagen wurden von den beiden Ehrenbürgern Prof. Elly Ney und Prof. Ludwig Hoelscher gegründet. Seit 1959 wurde, einem Wunsch von Elly Ney folgend, auch ein Festgottesdienst in das Programm aufgenommen. Damit war dem Kirchenchor und seinem Orchester eine besondere Aufgabe mit hohen
Anforderungen gestellt. 30 Jahre erklangen nun zu den Musiktagen große Messkompositionen, u. a. der Wiener Klassik. Dabei fand der Tutzinger Kirchenchor auch immer wieder Verstärkung durch namhafte Solisten wie Erika Rüggeberg, Gudrun Greindl, Anton Rosner und Wolfgang Brendel.
Nach der Pensionierung der Chorleiterin Erika Neumann übernahmen Friedrich Deibel, danach Walburga Hiller, Georg Kirschstein und seit 1979 Franz Reißner die Leitung der Kirchenmusik.
Im Zeichen des II. Vatikanums sieht sich die Kirchenmusik unserer Zeit vor neue Aufgaben gestellt. Die tätige Teilnahme der Gemeinde im Gottesdienst veränderte die Situation der Kirchenmusik. Während früher die hl. Messe vollständig vom Zelebranten gelesen wurde und dazu gleichzeitig Orgel oder Chormusik zur Verschönerung erklang, wird heute die Musik des Chores, der Gemeinde oder der Orgel gleichwertig in die hl. Messe integriert. Das heißt, der Stellenwert der Kirchenmusik hat sich wesentlich zu ihren Gunsten verändert. Durch die hohen beruflichen Anforderungen suchen immer mehr Menschen Entspannung und Erholung in der Musik. Die Gründung der Tutzinger Musikschule gibt davon Zeugnis. Aber auch die Kirchenmusik profitiert von diesem allgemeinen Aufschwung. Die derzeitige Mitgliedschaft von 60 aktiven Chorsängern und 15 Musikern im Orchester zeigt einen Höchststand der bisherigen Entwicklung.
In den letzten Jahren konnten immer wieder große namhafte Solisten wie Regina Klepper, Josef Protschka, Hermann Prey, Claes Ahnsjö, Christl Borchers, Wolfgang Brendel oder Walter Heldwein gewonnen werden, die in unserer Pfarrkirche musizierten.
Mit dem Salzburger Domchor bahnte sich eine gute Partnerschaft an, so daß in Tutzing und Salzburg zur Freude aller Kirchenbesucher erhebende Musik zu Gehör gebracht wurde. Leider gab es aber auch Sorgen finanzieller Art, da die Zuschüsse von Seiten der Kirche gleich blieben oder sogar zurück gingen. Deshalb hatte sich in jüngster Zeit ein Förderkreis für Kirchenmusik zusammengeschlossen, dessen Gründungsmitglieder namhafte Tutzinger Bürger und Künstler waren und der zum Ziel hatte, die Kirchenmusik ideell wie auch materiell zu unterstützen.
Die Aufgabe von Kirchenchor und Orchester war es, die feierlichen Ämter musikalisch zu gestalten (Weihnachten, Ostern, Pfingsten). Außerdem sollte einmal im Jahr eine außergewöhnlich große Aufführung zustande gebracht werden. Die Orchesterprobe war am Mittwoch um 19.45 Uhr und die Chorprobe am Donnerstag um 20.00 Uhr.
Zum 100jährigen Jubiläum der Pfarrei gestalteten Chor und Orchester den Festgottesdienst am Kirchweihfest (17.10.1993, 10.30 Uhr) mit der Krönungsmesse von W. A. Mozart. Am 24. Oktober um 20.00 Uhr fand dann das Festkonzert mit der großen Messe in Es Dur von Franz Schubert statt. Am 2. November, zum Allerseelen Tag , fand um 19.30 Uhr das Requiem für die Verstorbenen der Pfarrgemeinde statt, bei dem Mozarts Requiem erklang.
|